Das Subjekt der Universität

Vor lauter Fächern und Unterfächern geraten Grundlage, Sinn und Ziel der Bildung aus dem Blick: der freie, mündige Mensch. Der Überblick verschwindet hinter Fächergrenzen und aufgetürmtem Wissen, das sich gern vorträgt und vortragen hört. Übrig bleibt die Frage: Bildung – wozu? Übrig bleibt inhaltsleerer, funktionalisierbarer Formalismus, für den das Erkennen kein Wert an sich ist. Übrig bleibt der Aufkläricht (Lessing). Übrig bleibt «die kulturwissenschaftliche Linke» (Michael Hampe), das Subjekt der Universität (Jacques Lacan). Übrig bleibt Rudolf Strahm.

Übrig bleibt der Maschinenmensch, der ungebildete Mensch, der manipulierbare Mensch, das Exemplar, das Opfertier und sein Bild von sich: Das Opfer von Verhältnissen, das Opfer von Triebregungen, das Opfer der geschichtlichen Situation, das Opfer der Erziehung – «Rassismus ist nur anerzogen!», schreit das Subjekt der Universität –, das Opfer von Gehirnströmen, das Opfer von Hormonen und Mormonen (und von verführerischen Sekten und Politsekten überhaupt), das Opfer von Kindheitstraumata und -reminiszenzen, das Opfer der Evolution, das Opfer der Sozialisation, das Opfer der Norm und Struktur (oder des Patriarchats), das Opfer des Kapitalismus, das Opfer invasiver Signifikanten, der Sprache, die angeblich entfremdet, das Opfer kognitiver Schwäche – kurz: der unfreie Mensch.

Solche Ideologien der Fremdbestimmung häufen sich auch innerhalb einzelner Disziplinen – die Psychoanalyse nicht ausgenommen. Der Psychiater Irvin D. Yalom zählt diese Opferideologien (Menschenbilder, «Modelle») innerhalb der Psychologie auf: «Die existenzielle therapeutische Position [lies: eine existenzial-psychoanalytische Herangehensweise] legt dar, dass das, was es uns so schwer macht [lies: woran wir leiden], nicht nur unserem biologisch-genetischen Substrat (ein psychopharmazeutisches Modell) entspringt, nicht nur unserem Kampf mit unterdrückten instinktiven Trieben (ein freudscher Standpunkt), nicht nur an wichtigen, von uns verinnerlichten Erwachsenen hängt, die vielleicht nicht mitfühlend, nicht liebevoll oder neurotisch waren (eine objektbezogene Position), dass es nicht nur gestörte Denkformen (eine Position der kognitiven Therapie) sind, nicht nur Scherben vergessener traumatischer Erinnerungen oder aktuelle Lebenskrisen […], sondern dass es auch – die Konfrontation mit unserer Existenz ist.» (Irvin D. Yalom, In die Sonne schauen, München 2008, S. 192 f.)

Aus welchem Grund der Mensch seinen Verstand auch gern ohne äusseren Anlass opfert und sich sozusagen «ohne Not» um Mündigkeit drückt, taucht in den medialen und wissenschaftlichen Konfliktanalysen als Frage nicht einmal auf. Freiheit? Den Menschen als Freien ansprechen? Ihm Freiheit zuzumuten, zumal Freiheit eine Zumutung ist? Darüber, und wie das Weltöffnende mit dem Weltstürzenden zusammenhängt, fehlt jede Reflexion. Und so steht der universitäre Opferdiskurs rat- und machtlos vor dem Umstand, dass Menschen sich gern als Opfer einer beschworenen Überfremdung begreifen oder als Opfer – ausgerechnet! – der Schwächsten: als hysterische Opfertiere, die andere opfern müssen, um den Abgrund der ‘eigenen’ Freiheit loszuwerden – einen Abgrund, den sie zwar noch an sich spüren, aber nicht reflektieren.

Wozu auch? Dieses Etwas lässt sich nicht messen, und was man nicht messen kann, gibt es nicht – räsoniert der Soziologe, der nach Theweleit auch noch stolz darauf ist, von Psychoanalyse keine Ahnung zu haben. Fremde und Schwache haben etwas mit dem Absoluten zu tun, das die Freiheit ist, und dieses Absolute ist keine Wohlfühloase. Das Absolute erscheint mit dem Fremden. Die ganze abendländische Mythologie und Transzendenzreflexion weiss das – so, wie man so etwas überhaupt wissen kann. Doch die Metaphysik (verstanden als Nachdenken über das Inkommensurable, Absolute) ist abgeschafft. Fragt sich nur, ob zu unserem Glück.

Das Subjekt der Universität ist der letzte Mensch. Es identifiziert den Diskurs der Rechten als Beschwörung, aber seine eigene Hysterie sieht dieses Subjekt nicht. Nicht in den Blick geraten seine «Geistfeindschaft» (Adorno), seine Ideologien der Fremdbestimmung, seine Privationstheorien, die sich türmen und wie Betonmauern jede Sicht verstellen, dafür aber eine imaginäre Sicherheit bieten. (Aufgrund dieses Täuschungscharakters gilt die Universität unter psychoanalytischen Gesellschaftstheoretiker_Innen als Idealtypus der Zwangsneurose.) Das unfreie Subjekt ist das Produkt der Universität. Streng genommen kann man es gar nicht ansprechen (und deshalb haben Linke und Liberale ein Rekrutierungsproblem), denn ansprechbar ist nur der freie Mensch, oder besser: der freie Teil in uns, der sich öffnet und damit seine Verletzlichkeit hinnimmt.

Vulnerabilität und Sterblichkeitssalienz sind die Kehrseite der Öffnung und des Vertrauens. Dieser Zusammenhang muss zur Sprache kommen in einer Gesellschaft, die emanzipativ werden will. Davon sind wir weit entfernt: «Wir sind [noch] nie modern gewesen» (Bruno Latour): Der «zweite Akt der Aufklärung» (Ernst Bloch) steht noch aus.

Die freie Gesellschaft wird daran zu erkennen sein, dass Ethik und Analyse koinzidieren (Theorie): Unrecht ist in erkenntniskritischer Hinsicht eine Selbsttäuschung (Adorno). Vielleicht wird Freiheit in einer solchen kommenden, konkret-utopischen Gesellschaft lebbar. Gelebte, hervorgebrachte Freiheit (Metanoia) ist eine Koinzidenz von Sein und Sollen in der (und durch die) Tat (Praxis). Auf diese Weise hängen Psychoanalyse (Theorie) und Marxismus (Praxis) zusammen (und Praxis ohne Theorie ist blind). Beide – Psychoanalyse wie Marxismus – bedeuten den Untergang für den autoritären Charakter (Paul Tillich), der die abgründige Freiheit stellvertretend in Fremden und Schwachen hasst.

Die freie Gesellschaft wird daran zu erkennen sein, dass die Universität theoretisch geworden ist und sich ihrer ideologischen, privationstheoretischen Menschenbilder entledigt hat.

(aktualisiert am 16.12.2019)

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