Weshalb wurde “Freiheit und Krisis” geschrieben?

 

Am 29. November 2009 wurde die eidgenössische Volksinitiative “Gegen den Bau von Minaretten” von Volk und Ständen angenommen. Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Politik und Kultur rätselten nach Annahme dieser diskriminierenden Volksinitiative darüber, weshalb rassistische und menschenfeindliche Politik auch heute noch so attraktiv ist, dass sie Mehrheiten findet. Federführend in den Diskussionen war damals der Club Helvétique bestehend aus bekannten Persönlichkeiten wie Cécile Bühlmann, Hildegard Fässler, Andi Gross, Hans Stöckli (Politik), René Rhinow, Jörg Paul Müller, Giusep Nay (Staatsrecht), Ueli Mäder, Kurt Imhof selig (Soziologie), Georg Kreis, Hansjörg Siegenthaler, Elisabeth Joris (Geschichtswissenschaften) oder Roger de Weck. Die sogenannte Landhausversammlung wurde ins Leben gerufen, und es entstanden zahlreiche Diskussionszirkel und Arbeitsgruppen wie das “Forum für Menschenrechte und Demokratie FMD” unter Federführung von Andi Gross.

 

Bei allen diesen Gruppen und Untergruppen fiel auf, dass psychische Ursachen von Rassismus und Menschenfeindlichkeit völlig athematisch waren. Auch das Bewusstsein fehlte, dass überhaupt etwas fehlt (“doppeltes Nichtwissen”). Vorherrschend war (und ist) eine sozioloigistische, funktionalistische, ökonomistische Konfliktanalyse (Ideologien der Fremdbestimmung), in der es keine Abwehr eines anthropologischen Traumatischen stellvertretend in Sündenböcken gibt.

 

“Freiheit und Krisis” möchte diese Lücke schliessen, weil gesellschaftliche Emanzipation nur auf der Basis einer Analyse gelingen kann, die die Psyche des Menschen und die traumatische Dimension einer offenen Gesellschaft und offener Systeme nicht ausschliesst (verdrängt). Die offene Gesellschaft setzt das Individuum aus und vereinzelt es auch und gerade in ontologischer (psychischer) Hinsicht. Das Individuum flieht auf eine sehr selbstbestimmte Weise vor der abgründigen Freiheit (vor dem Objektverlust, vor der Ablösung, vor dem Erwachsenwerden) in geschlossene, haltgebende Weltanschauungen und Unterdrückungsstrukturen. Es ist keineswegs nur das Opfer ungerechter Verhältnisse, missratener Erziehung, seiner Triebe oder mangelnder Intelligenz.

 

Eine offene Gesellschaft muss sich fragen, “wie ein Rechtssystem konkret strukturiert sein muss, um die dem Begehren entspringende libidinöse Investition der Teilnehmer der Rechtsdiskurse zu vermeiden oder zumindest zu reduzieren”, so der in psychoanalytischer Rechtstheorie promovierte Jurist Martin Schulte. Übersetzt heisst dies: Eine offene Gesellschaft muss sich fragen, wie sie das Individuum aus- und freisetzen kann, ohne es in autoritäre Strukturen zu treiben. Dafür müsste in den medialen und wissenschaftlichen Konfliktanalysen die psychischen Konfliktursachen zur Sprache kommen (Adorno: Integration des Todes durch die Kultur). Bereits dieses Zur-Sprache-Bringen kann bewirken, dass eine Gesellschaft offener wird (Adorno).

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Grundtenor von Freiheit und Krisis ist die Frage, wie ausserhalb der Psychologie, Psychoanalyse und Psychiatrie über die Psyche gesprochen werden müsste, damit die Gesellschaft freier wird. In mancherlei Hinsicht bin ich schlauer geworden, in anderer Hinsicht auch ratloser.

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